Digitale Medien bei Kindern und exekutive Funktionen

Digitale Medien bei Kindern und exekutive Funktionen KI-generiertes Symbolbild. Abgebildete Personen sind fiktiv: Osnabrücker Anzeiger

Digitale Medien bei Kindern: 7 wichtige Empfehlungen

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein fachlicher Gastbeitrag von Diana Habibi und wurde redaktionell für den Osnabrücker Anzeiger aufbereitet.

Zwischen Ablenkung und Unterstützung – wie Familien einen bewussten Umgang mit Smartphone, Tablet und Bildschirmmedien fördern können.

Digitale Medien bei Kindern und Jugendlichen gehören heute selbstverständlich zum Alltag. Smartphones, Tablets und Computer ermöglichen Kommunikation, Unterhaltung, Lernen und den Zugang zu Informationen.

Gleichzeitig fragen sich viele Eltern, ob eine intensive Mediennutzung die Konzentration, Selbstkontrolle und Selbstständigkeit ihrer Kinder beeinträchtigen kann.

Die wissenschaftliche Forschung liefert darauf keine einfache Antwort. Bestimmte Formen intensiver oder problematischer Mediennutzung stehen mit Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit und Selbstregulation in Zusammenhang. Daraus lässt sich jedoch nicht pauschal schließen, dass digitale Medien diese Schwierigkeiten verursachen.

Entscheidend sind nicht nur die Nutzungsdauer, sondern auch die Inhalte, die Nutzungssituation, das Alter des Kindes und seine individuellen Bedürfnisse.



Was sind exekutive Funktionen?

Exekutive Funktionen sind geistige Steuerungsprozesse, die uns helfen, unser Verhalten bewusst und zielgerichtet zu gestalten. Sie spielen beim Lernen, bei sozialen Beziehungen und bei alltäglichen Aufgaben eine wichtige Rolle.

Zu ihren zentralen Bestandteilen gehören:

  • Arbeitsgedächtnis: Informationen kurzfristig behalten und verarbeiten, beispielsweise beim Lösen einer mehrschrittigen Aufgabe.
  • Inhibition: Impulse kontrollieren und störende Reize ausblenden.
  • Kognitive Flexibilität: Zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln und sich auf Veränderungen einstellen.
  • Planung und Organisation: Handlungsschritte strukturieren und Ziele verfolgen.

Diese Fähigkeiten unterstützen auch die Selbstregulation, also den Umgang mit Aufmerksamkeit, Gefühlen und Verhalten. Sie entwickeln sich über die Kindheit und Jugend hinweg weiter.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Kind möchte seine Schultasche packen. Es muss sich merken, welche Materialien es benötigt, die einzelnen Schritte planen, Ablenkungen widerstehen und überprüfen, ob alles vollständig ist.

An dieser scheinbar einfachen Tätigkeit sind mehrere exekutive Funktionen beteiligt.


Was die Forschung über digitale Medien bei Kindern sagt

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 untersuchte den Zusammenhang zwischen digitalen Technologien und exekutiven Funktionen bei Kindern und Jugendlichen.

In acht der zehn einbezogenen Studien wurden ungünstige Zusammenhänge zwischen intensiver Mediennutzung und einzelnen exekutiven Funktionen berichtet. Zwei Studien fanden hingegen keine signifikanten Zusammenhänge.

Die Ergebnisse zeigen, dass Faktoren wie Medieninhalte, familiäre Begleitung und Lebensbedingungen berücksichtigt werden müssen. Aufgrund der unterschiedlichen Studiendesigns lässt sich aus der Übersichtsarbeit keine allgemeine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. [1]

Für Eltern bedeutet das: Die Frage „Wie viele Stunden Bildschirmzeit sind zu viel?“ ist wichtig, reicht allein aber nicht aus. Ebenso entscheidend ist, was das Kind während dieser Zeit macht und wie sich die Nutzung auf seinen Alltag auswirkt.


Aufmerksamkeit: Wenn das Lernen ständig unterbrochen wird

Ein Kind sitzt an seinen Hausaufgaben. Das Smartphone liegt neben dem Heft. Eine Nachricht erscheint. Das Kind liest sie, schaut kurz ein Video an und versucht anschließend, seine ursprüngliche Aufgabe fortzusetzen.

Solche Unterbrechungen können konzentriertes Arbeiten erschweren. Besonders bei anspruchsvollen Aufgaben ist es sinnvoll, unnötige Ablenkungen zu reduzieren.

Allerdings sollte zwischen verschiedenen Forschungsfragen unterschieden werden.

Eine Metaanalyse von Hinten und Kollegen aus dem Jahr 2025 untersuchte die unmittelbaren, kurzfristigen Auswirkungen bestimmter Medienmerkmale auf Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen von Kindern.

Für das schnelle Tempo von Medieninhalten fand die Analyse insgesamt keinen statistisch gesicherten negativen Effekt. Bei fantastischen im Vergleich zu realistischen Inhalten zeigte sich dagegen im Durchschnitt eine geringere Leistung unmittelbar nach dem Anschauen.

Die Ergebnisse waren jedoch zwischen den Studien unterschiedlich. [2]

Diese Untersuchung beantwortet ausdrücklich nicht die Frage, ob die langfristige Nutzung kurzer Videos die Aufmerksamkeit dauerhaft verändert.

Die praktische Konsequenz lautet daher nicht, jedes schnelle Video zu verbieten. Sinnvoller ist es, auf geeignete Inhalte zu achten und konzentrierte Lernphasen vor unnötigen Unterbrechungen zu schützen.

Selbstregulation: Warum fällt das Aufhören manchmal so schwer?

Viele digitale Anwendungen bieten ständig neue Inhalte. Videos starten automatisch, Nachrichten treffen ein und interessante Angebote sind jederzeit verfügbar.

Für Kinder kann es deshalb schwierig sein, eine attraktive digitale Aktivität zu beenden und zu einer weniger spannenden Aufgabe zu wechseln.

Dabei ist wichtig zu wissen: Selbstregulation entwickelt sich schrittweise. Besonders jüngere Kinder benötigen Unterstützung, um Frustration auszuhalten, ihre Aufmerksamkeit umzulenken und Übergänge zu bewältigen.

Eine Längsschnittstudie von Radesky und Kollegen untersuchte Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren. Die Forschenden betrachteten unter anderem, wie häufig mobile Geräte eingesetzt wurden, um Kinder zu beruhigen, und wie dies mit ihrer späteren emotionalen Reaktivität und exekutiven Funktionsfähigkeit zusammenhing.

Die Ergebnisse deuteten auf bestimmte wechselseitige Zusammenhänge hin, die sich je nach untersuchter Gruppe unterschieden.

Die Studie beweist nicht, dass ein Smartphone bei gelegentlicher Nutzung zur Beruhigung automatisch schädlich ist. Sie macht jedoch deutlich, warum Kinder zusätzlich andere Strategien zur Emotionsregulation kennenlernen sollten. [3]

Dazu gehören beispielsweise Bewegung, Gespräche, gemeinsame Spiele, ruhige Rückzugsmöglichkeiten oder altersgerechte Entspannungsübungen.

Schlaf: Warum die Nutzungssituation wichtig ist

Ausreichender Schlaf unterstützt Aufmerksamkeit, Lernen und emotionale Stabilität.

Digitale Medien können im Familienalltag insbesondere dann zum Problem werden, wenn ihre Nutzung das Zubettgehen verzögert oder regelmäßige Abendroutinen verdrängt.

Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse untersuchte den Zusammenhang zwischen täglichen Veränderungen der Bildschirmnutzung und dem Schlaf junger Menschen.

An Tagen mit längerer Bildschirmnutzung zeigte sich im Durchschnitt ein kleiner Zusammenhang mit einem späteren Einschlafzeitpunkt. Für andere untersuchte Schlafmerkmale fanden sich keine durchgehend signifikanten Zusammenhänge. [4]

Auch hier gilt deshalb: Nicht jede Bildschirmnutzung am Abend hat dieselben Auswirkungen.

Eltern können beobachten, ob digitale Aktivitäten ihr Kind stark aufregen, das Einschlafen verzögern oder zu Konflikten am Abend führen. Eine verlässliche Schlafroutine und eine ruhigere Phase vor dem Zubettgehen können hilfreich sein.

Digitale Medien bei Kindern mit ADHS oder Autismus

Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) können unabhängig von ihrer Mediennutzung Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder Organisation haben.

Bei autistischen Kindern und Jugendlichen können beispielsweise Übergänge zwischen Aktivitäten, Veränderungen im Tagesablauf oder die Planung mehrschrittiger Handlungen besondere Unterstützung erfordern.

Digitale Medien sollten bei diesen Kindern jedoch nicht ausschließlich als Risiko betrachtet werden. Visuelle Tagespläne, digitale Erinnerungen, Kommunikationshilfen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen können die Orientierung und Selbstständigkeit fördern.

Ob ein digitales Angebot hilfreich ist, hängt vom einzelnen Kind und der konkreten Situation ab.

Eltern und Fachkräfte können sich beispielsweise folgende Fragen stellen:

  • Unterstützt die Anwendung die Kommunikation oder Selbstständigkeit?
  • Hilft sie dabei, Aufgaben zu strukturieren?
  • Entstehen durch die Nutzung regelmäßig erhebliche Konflikte?
  • Werden wichtige Aktivitäten wie Schlaf, Bewegung oder soziale Kontakte beeinträchtigt?

Aus allgemeinen Untersuchungen zur Bildschirmzeit lassen sich keine einheitlichen Empfehlungen für alle Kinder mit ADHS oder Autismus ableiten.

Individuelle Stärken, Bedürfnisse und Belastungen müssen berücksichtigt werden.

Sieben praktische Empfehlungen für Familien

1. Nicht nur auf die Bildschirmzeit achten

Die Dauer der Nutzung ist ein Anhaltspunkt, aber nicht der einzige. Eltern sollten auch die Inhalte und die Auswirkungen auf Schlaf, Lernen, Bewegung und Familienleben berücksichtigen.

2. Regeln gemeinsam entwickeln

Klare und altersangemessene Vereinbarungen geben Orientierung. Wenn Kinder verstehen, warum bestimmte Regeln gelten, können sie zunehmend Verantwortung für ihre Mediennutzung übernehmen.

3. Konzentrationsphasen schützen

Während der Hausaufgaben können unnötige Benachrichtigungen ausgeschaltet werden. Wird das Smartphone nicht für die Aufgabe benötigt, kann es vorübergehend an einem anderen Ort liegen.

4. Übergänge vorbereiten

Ein vereinbarter Endzeitpunkt, eine rechtzeitige Ankündigung oder ein visueller Timer können helfen, die Mediennutzung ohne unnötige Konflikte zu beenden.

5. Andere Möglichkeiten der Emotionsregulation fördern

Kinder sollten unterschiedliche Wege kennenlernen, mit Langeweile, Frustration und Stress umzugehen. Digitale Unterhaltung muss nicht die einzige verfügbare Strategie sein.

6. Digitale Medien als Hilfsmittel nutzen

Kalender, Erinnerungsfunktionen, Checklisten und unterstützende Kommunikationsangebote können die Organisation des Alltags erleichtern.

7. Als Familie Vorbild sein

Auch das Medienverhalten der Erwachsenen prägt den Familienalltag. Gemeinsame bildschirmfreie Zeiten und ein bewusster Umgang mit dem eigenen Smartphone können hilfreich sein.

Diese Empfehlungen entsprechen dem Grundgedanken des „Family Media Plan“ der American Academy of Pediatrics: Familien sollen passende Medienregeln entwickeln und sie regelmäßig an die Bedürfnisse ihrer Kinder anpassen. [5]

Wann ist zusätzliche Unterstützung sinnvoll?

Wenn die Mediennutzung dauerhaft zu erheblichen Konflikten führt, das Schlafverhalten oder den Schulalltag deutlich beeinträchtigt oder andere wichtige Aktivitäten zunehmend verdrängt, sollten Eltern genauer hinschauen.

Dabei ist es wichtig, nicht vorschnell das Smartphone als alleinige Ursache zu betrachten.

Auch schulischer Stress, Ängste, soziale Belastungen oder bereits bestehende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Selbstregulation können eine Rolle spielen.

Bei anhaltenden Problemen kann eine fachliche Beratung helfen, die Situation umfassend zu verstehen und gemeinsam mit der Familie geeignete Lösungen zu entwickeln.

Fazit: Nicht nur weniger, sondern bewusster nutzen

Digitale Medien bei Kindern sind weder grundsätzlich schädlich noch automatisch förderlich für die Entwicklung exekutiver Funktionen.

Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen bestimmten Mediennutzungsmustern und Aufmerksamkeit, Selbstregulation sowie Schlaf. Gleichzeitig unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Untersuchungsmethode, Alter, Medieninhalt und Nutzungssituation.

Für Familien ist deshalb ein ausgewogener Ansatz sinnvoll. Kinder benötigen klare Orientierung, geeignete digitale Angebote und ausreichend Raum für Schlaf, Bewegung, Spiel, Lernen und persönliche Beziehungen.

Das Ziel ist nicht ein möglichst technikfreies Aufwachsen, sondern die Entwicklung eines bewussten, selbstbestimmten und altersgerechten Umgangs mit digitalen Medien.

Literatur und weiterführende Quellen

[1] Maeneja, R., Rato, J., & Ferreira, I. S. (2025). How Is the Digital Age Shaping Young Minds? A Rapid Systematic Review of Executive Functions in Children and Adolescents with Exposure to ICT. Children, 12(5), 555.
https://doi.org/10.3390/children12050555

[2] Hinten, A. E., Scarf, D., & Imuta, K. (2025). Meta-Analytic Review of the Short-Term Effects of Media Exposure on Children’s Attention and Executive Functions. Developmental Science, 28(6), e70069.
https://doi.org/10.1111/desc.70069

[3] Radesky, J. S., Kaciroti, N., Weeks, H. M., Schaller, A., & Miller, A. L. (2023). Longitudinal Associations Between Use of Mobile Devices for Calming and Emotional Reactivity and Executive Functioning in Children Aged 3 to 5 Years. JAMA Pediatrics, 177(1), 62–70.
https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2022.4793

[4] Bourke, M., Maddren, C. I., Sippel, F., & Thomas, G. (2026). Within-Person Association Between Daily Screen Use and Sleep in Youth: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Pediatrics, 180(5), 500–509.
https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2025.6490

[5] American Academy of Pediatrics. How to Make a Family Media Plan. HealthyChildren.org.
https://www.healthychildren.org/English/family-life/Media/Pages/How-to-Make-a-Family-Media-Use-Plan.aspx

Diana Habibi

Diana Habibi verfügt über einen Ph.D. im Bereich Psychologie und Pädagogik von Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt auf neurologischen Entwicklungsstörungen, insbesondere Autismus, sowie auf kognitiver Förderung und exekutiven Funktionen. Sie beschäftigt sich im Bereich der Psychologie und wissenschaftlichen Forschung insbesondere mit neurologischen Entwicklungsstörungen, Autismus, kognitiver Förderung und exekutiven Funktionen. Zu ihren weiteren fachlichen Schwerpunkten gehören Elternunterstützung, Verhaltensmanagement und Emotionsregulation. Ihr besonderes Interesse gilt der verständlichen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und deren praktischer Anwendung im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Familien.